WESTWENDISCHER KUNSTVEREIN E. V.

Artist in Residence | Matthias Oppermann

Aufenthalt im Jahr 2024

Einladung zum Künstlergespräch in der Residency

Mit Mathias Oppermann zwischen den Stelzen der Residency von Mark Dion.

Ort: Seegeniederung gegenüber dem Zehntspeicher Gartow.
Wann: Freitag, 19.Juli 2024 um 18 Uhr.

Es ist mein dritter Aufenthalt in der Floadwater Residency – Forschungsstation (2018,2020,2024). Ich verstehe meine Kunst als einen ständigen Forschungsprozess. So soll auch die Arbeit in diesem Jahr etwas fortführen, was 2018 begann und sich 2020 weiterentwickelt hatte. Ich bin in guter Hoffnung, weil sich der Aufenthalt in dem kleinen Stelzenhaus auch in den Jahren zuvor als sehr fruchtbar für meine Kunst erwiesen hat.

Beim ersten Aufenthalt 2016 brachte ich Aktzeichnungen auf Leinwand mit, um sie dann im Malprozess mit der Landschaft zu konfrontieren und „einzubetten“. Mich beschäftigte, wie auch heute noch, die Verbindung von Mensch und Natur. Der nackte Mensch, seiner kulturellen Insignien beraubt, fand sich der Seegeniederung wieder. Natur zu Natur – er blieb aber ein Fremdkörper. Dies zeigte das damalige Werkstattgespräch sehr deutlich, in dem das Befremden über das Thema spürbar war. Das war sozusagen das Forschungsergebnis. So sehr wir uns in die Naturidylle hineinträumen, es gibt sie nicht wirklich oder wir bleiben draußen. Vielleicht müssen wir in der Wut darüber die Natur („Mutter Natur“), die wir so lieben zerstören.

Beim zweiten Aufenthalt 2020 hatte ich inzwischen begonnen, anders zu zeichnen. Ich hatte in der Zeit Selbstporträts gemalt, in denen ich blind meinen Kopf abtastete. Das dehnte ich auf Körper aus, indem ich blind Körper zeichnete, wie sich Körper in meiner Erinnerung anfühlen. Später las ich bei Merleau-Ponty: „Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass alles Sichtbare aus dem Berührbaren geschnitzt ist.“ Ich verfolgte das 2016 begonnen Thema weiter und zeichnete nun gefühlte Körperlinien in die Landschaft. Die Landschaft veränderte sich und wurde in meiner Wahrnehmung selbst körperhafter. Ich machte sehr viele Spaziergänge durch die Seegeniederung und auf diesen gegangenen Spuren ließ ich in den Bildern Aquarellfarbe in die Bilder laufen. Aus der „gesehenen“ Verbindung von Akt und Landschaft wurde etwas sinnlichere Verbindung. Entsprechend ging es in dem Werkstattgespräch sehr lange um „Waldbaden“.

Versuchsanordnung für 2024

Inzwischen hat sich die Auseinandersetzung mit der Linie weiterentwickelt. Zu den gesehenen und gefühlten kam die „viszerale“ hinzu. Eine Linie, die nur körperlich eruptiv ist und nichts mehr symbolisiert als sich selbst. Ich stelle mir vor, dass in die Bilder, die entstehen werden, folgende drei Erlebnisbereiche einfließen. Eine vierte Seite bleibt frei und ist noch unbekannt.

A

Sinnlichkeit, Erotik – sozusagen als Kondensat aus den beiden vorangegangen Aufenthalten: das Nackte und das Berührbare.

B

das Hintergrundrauschen, Kriege und Zerstörung, Angst und Wut. Beide Seiten (A,B) verkörpern die Triebstruktur des Menschen.

C

die Natur als Organismus. Es ist der veränderte Blick, wenn ich in die Resideny komme. Die Landschaft erlebe ich mehr wie einen eigenen Organismus. Ich will nicht mehr nur in die Ferne gucken, sondern auf Details. Close up. Ein Bild, das ich vom letzten Aufenthalt über die Jahre bewahrt habe, ist der Anblick eines Baumes, der wie ein Schiff in der Seegeniederung steht. Wenn ich in wiederfinde, soll er im Zentrum stehen.

D=?

Zusätzlich zu diesen Arbeiten werde ich mehrere getastete Selbstporträts malen, die im Verlauf vielleicht (?) auch etwas von dem Prozess widerspiegeln.

Im Werkstattgespräch würde ich gerne mit Ihnen darüber anhand der entstandene Bilder diskutieren. Ich bringe zum Werkstattgespräch auch digitale Arbeiten mit, die nach dem letzten Aufenthalt in der Residency aus den damals entstanden Fotos im Rahmen meiner Matrixserien, in denen ich hunderte von Fotos übereinander schichte, entstanden sind.

Matthias Oppermann, im Juli 2024